So lief der Giro bislang

  • Radsport kann so schön sein

Die Etappe nach Praia a Mare hat für mich die schönsten Radsportbilder der Saison geliefert. Beim Anblick der letzten Steigung pochte wohl so ziemlich jedes Radsport-Herz vor Freude. Eine Serpentinenstraße, wie man sie besser vor dem Meer nicht hinmalen könnte. So verzaubern kann nur der Radsport – und vor allem der Giro. ❤️❤️

  • Ein Skispringer rockt den Radsport

Primoz Roglic ist 26 Jahre alt und war einst Junioren-Weltmeister im Skispringen, nun lehrt er den besten Radsportlern der Welt das Fürchten. Beim Zeitfahren in Chianti profitierte der 26-Jährige von den wechselnden Witterungsbedingungen, was seine Leistung aber in keinem Fall schmälern soll. Dieser Junge wird dem Radsport noch viel Freude bereiten.

„Ich bin sehr glücklich, wenn ich könnte, würde ich vor Freude springen.“

  • Landa weiterhin mit den besten Karten

Der Spanier offenbarte zwar auf der 4. Etappe nach Praia a Mare und über die Schotterpiste des 8. Teilstücks einige Schwächen, legte dann aber ein formidables Zeitfahren hin. Jetzt kommen seine Berge – der Baske braucht lange und schwierige Anstiege. Sollte er eine ähnlich starke zweite Giro-Hälfte wie im letzten Jahr hinlegen, ist er der Favorit Nummer eins auf den Endlospokal. Allerdings hätte Landa im Zeitfahren von Chianti fast alle Hoffnungen begraben müssen.

  • Nibali kommt in Form

Das hätte ich dem Italiener nicht zugetraut. Trotz seiner fehlgeschlagenen Attacke bei der ersten Bergankunft büßte Nibali bislang gegen die Konkurrenz nirgendwo großartig Zeit ein. Sollten die hohen Pässe in der dritten Woche befahrbar sein, ist Nibali, der zum Giro-Start völlig außer Form zu sein schien, plötzlich wieder ein Kandidat für den Giro-Sieg. Bis zum Bergzeitfahren zur Seiser Alm am Sonntag wird der Sizilianer aber wohl noch ein bisschen Zeit einbüßen.

  • Sticht Movistars taktische Karte?

Das Team von Alejandro Valverde macht bislang den mannschaftlich stärksten Eindruck – Astana und Sky können da nicht mithalten. Mit Andrey Amador haben die Spanier zudem einen Joker für das Gesamtklassement in der Hinterhand. Valverde selbst macht auch einen bärenstarken Eindruck, allerdings waren wir noch nicht im Hochgebirge. Schafft es Movistar, Amador bis in die dritte Woche in Schlagdistanz zur Maglia Rosa zu halten, könnte der Mann aus Costa Rica mit einem Überraschungscoup für eine kleine Sensation sorgen.

  • Dumoulin angezählt

Bis zur Auffahrt auf die Schotterpiste von Arezzo sah Tom Dumoulin wie der Sieganwärter Nummer eins aus, doch dann schwächelte er. Sitzprobleme und ein Zeitfahren bei infernalischen Bedingungen machten dem Niederländer einen Strich durch die Rechnung. Aber aufgepasst! Dumoulin ist weiterhin voll im Rennen und erst jetzt kommen seine Berge. Erholt er sich und unterschätzen die anderen Favoriten ihn, könnte dem Giant-Kapitän ein ähnliches Husarenstück wie Ryder Hesjedal 2012 gelingen – auch wenn er selbst seine Ambitionen runterspielt.

  • Das Wetter entscheidet über den Ausgang des Giros

Die Etappen 19 und 20 sind die schwierigsten Teilstücke des diesjährigen Rennens. Spielt das Wetter an diesen beiden Tagen mit, sehen wir in der Endabrechnung einen Fahrer wie Landa vorne. Sollten Agnello und Bonette aus dem Programm genommen werden, könnte es eine Überraschung geben. Bei schlechtem Wetter droht in jedem Fall ein ähnliches Chaos wie beim Giro 2014, als Nairo Quintana auf der Stelvio-Etappe in der verschneiten Abfahrt die Rundfahrt entschied – das braucht kein Radsprotfan nochmal!

  • Tutti pazzi per Pirazzi

Zum Schluss noch ein ganz wesentlicher Faktor, der in den letzten Jahren beim Giro zu einer Institution geworden ist: Stefano Pirazzi. Die letzten anderthalb Wochen sollten wir wieder mehr von Pirazzi sehen. Der Bardiani-Kapitän ist dafür bekannt, dass er mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs ist und seine Fluchtgefährten regelmäßig zur Weißglut bringt. Seine Mitstreiter mag das nicht gerade erfreuen, doch für den Giro-Zuschauer ist dieses Enfant terrible des Radsports eine Bereicherung. In den Bergen dürfte der Italiener mal wieder seine Show abziehen.

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