Paris – Roubaix 2012: Ein monumentales Erlebnis

Auf den Spuren der Profis: 2012 habe ich den Selbstversuch gemacht und bin das Rennen Paris-Roubaix – nach Version des Vélo Club Roubaix – selbst gefahren.

Es ist Samstag, der 9. Juni 2012. Ich mache mich auf den Weg zu einer der größten Herausforderungen, die es im Radsport gibt: Paris-Roubaix – die Hölle des Nordens.
Ich hole meinen Begleiter Kevin ab und dann geht‘s auch schon los auf die Autobahn. Nach einem kurzen Zwischenstopp verlassen wir Deutschland.

Über die A6 geht es nach Frankreich. Immer geradeaus, bis Reims, wo man in Richtung Lille abzweigt. Schließlich führen uns einige kleine Landstraßen nach Bohain-En-Vermandois, den Startort. Für die Hinfahrt benötigten wir gut sieben Stunden. Dort angekommen wurden die Startunterlagen in einer Turnhalle ausgegeben. Die Leute waren sehr höflich und hilfsbereit. Also schnell noch einen Parkplatz gesucht und dort die Äuglein geschlossen, was aber nur bedingt gelang.

Vorbereitung und Start

Der nächste Morgen: Es ist ca. 4 Uhr, die Augen sind noch klein und der Körper wehrt sich. Doch die Aussicht auf das Rennen treibt mich zu dieser unchristlichen Zeit aus dem Bett – besser gesagt aus dem Auto, in dem wir nächtigten. Im Dunkeln baue ich mein Rad zusammen, montiere die Startnummer, ziehe mich um und bereite die Trinkflaschen vor. Zusätzlich werden die nötigen Dinge wie Powergels und Geldbeutel eingepackt. Jedoch schleppe ich an diesem Tag eine halbe Werkstatt mit mir rum. Ich packe vier Schläuche ein, dazu noch ein Kettennietgerät, sowie die dazugehörigen Nietbolzen und einen Seitenschneider. Gefühlt bin ich nun fünf Kilogramm schwerer.

Gemeinsam gehen wir nochmals den Ablaufplan durch. Ich mache mit Kevin zwei Treffpunkte aus. In Arenberg bei der Hälfte der Strecke und im Velodrom in Roubaix. Es ist ziemlich riskant, so loszufahren, denn auf den Pavés kann schnell mal ein Sattel brechen oder ein Laufrad den Geist aufgeben. Was mache ich dann? Ich vertraue einfach auf mein Material. Die Entscheidung, auf die Mavic Aksiums zu setzen, sollte sich als goldrichtig herausstellen.
Mittlerweile ist es kurz vor halb sechs und es ist endlich nicht mehr dunkel. Ich düse zum Start in Bohain-En-Vermandois – los geht‘s.

Die Pavé-Straßen Norddeutschlands dienten als Vorbereitung auf Paris-Roubaix

Nach gut einem Kilometer treffe ich bereits auf zwei Landsleute. Beide sind sie ältere Semester, ich starte einen kleinen Smalltalk. Ob ich hier schonmal gefahren bin, fragen sie. Doch ich bin genau wie sie ein „Rookie“. Egal, Hauptsache das Wetter stimmt sagen wir uns.
Man gondelt 22 Kilometer durch die Picardie, bevor es das erste Mal ernst wird. Auf welligem Terrain lässt sich der Motor bei niedriger Drehzahl gut warmfahren.

Die Pavés

Dann wird‘s ernst: Schnell aufs Oberrohr geschaut, wo ich mir alle Pavés mit Kilometerangabe, Länge und Bezeichnung notiert habe. Kilometer 22, es geht das erste Mal rund – und wie!
Wir biegen in einen Feldweg ein und es schüttelt mich durch, wie ich es noch nicht erlebt habe.

Mein Rad scheppert. Da es im zweiten Teil des ersten Sektors steil bergab geht, mit fast 35 Sachen, muss ich hier an den Bremsgriffen greifen. Nach über 2000 Metern ist Sektor 1 geschafft. Die beiden Jungs und ich stellen schnell fest: „Das Schwierigste ist das Umgreifen“, was auf dem Pflaster sehr tricky ist, denn lässt man den Lenker nur einmal kurz los, springt er in 50 Himmelsrichtungen.

Nach einem kurzen Stück Asphalt folgen drei weitere Pavés. Ich tue mich schwer, die richtige Technik zu finden. Nunja, schon bald ist die erste Verpflegung erreicht. Ich fahre hier aber durch und weiter geht‘s.

Es sollten sieben weitere Sektoren bis zur nächsten Kontrolle folgen. So langsam aber sicher finde ich die richtige Technik. Ich greife fast nur noch am Oberlenker und lasse das Rad arbeiten. Manche Stücke sind der blanke Horror, manche lassen sich ganz gut fahren.

Gefühlt bei Kilometer 80 fangen meine Hände an zu schmerzen. Auch die Arme fangen an zu brennen. Auf einem der Stücke sehe ich einen schweren Sturz. Dort saß ein Franzose mit einer Platzwunde unter dem Auge und wohl gebrochenem Schlüsselbein benommen im Straßengraben. Bloß vorsichtig fahren! Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich das Dörfchen Arenberg. Hier gibt es Verpflegung Nummer 2. Ich fülle nochmal die Flaschen auf, lasse Wasser und esse nochmals.

Hölle von Arenberg

Dann traue ich mich wieder los, mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich das Schild „Tranchee d‘Arenberg“ lese. Augen zu und durch. Und da geht‘s auch schon rein in die wohl schlimmste Folterstrecke, die dieses Rennen aufweist.

Gleich am Anfang merke ich, wie rutschig es ist, ich bin schnell. Das schlechte Pflaster treibt mich immer wieder nach außen. Zwei- bis dreimal rutscht mir das Hinterrad weg, doch geschickt kann ich das aussteuern. Nun fahre ich in einer kleinen Gruppe auf dem Pflaster. Doch dann, plötzlich ein Sturz. Ich sehe nur noch, wie es meinem Vordermann auf dem Moos das Vorderrad wegzieht. Aber zum Glück habe ich nicht reflexartig gebremst, sondern den Lenker nach rechts gezogen, sodass ich ausweichen kann.

Es geht weiter, viele der Teilnehmer fahren hier auf dem Streifen neben dem Pavè, doch ich quäle mich über die Steine. Ich werde immer langsamer. Ich muss mich 100 Prozent konzentrieren, um nicht wegzurutschen. Das Rad schlägt von links nach rechts, man kann es sich nicht vorstellen! Es kracht und scheppert. Dann ist es geschafft. Arenberg ist geschafft, doch mit jedem Pavéstück werden die Schmerzen schlimmer.

Der Wald von Ahrenberg

Es folgen bis zur nächsten Verpflegung fünf weitere Sektoren, die von der Beschaffenheit schlimm sind. Doch mittlerweile habe ich so etwas wie einen Rhytmus gefunden. Ich komme gut mit dem Pflaster klar und fahre teilweise über 30 auf diesen Feldwegen. Bei Kontrollpunkt 3 mache ich kurz halt, dann schnell weiter.

Nach ca. zwei Dritteln der Strecke holt mich eine Gruppe Belgier ein. Sie sprechen unter sich Flämisch und sind auf dem Pflaster schnell wie Windhunde. Ich kann mich dranhängen. Die Jungs haben einen verdammt guten Zug auf dem Pedal. Auf dem Pflaster muss ich beißen, um dranzubleiben. Irgendwann müssen sie aber rechts ran, weil einer einen Platten hat, da hält die ganze Gruppe an, um zu helfen. Ich ziehe weiter.

Kurze Zeit später: Wieder zwei Belgier, doch diesmal nicht mit Rennrädern, sondern mit Crossmaschinen. Dies sollten meine nächsten Zugmaschinen werden. Auf dem Asphalt machte der eine die ganze Zeit einen Wahnsinnsdruck und ich war glücklich, nicht den Anschluss zu verlieren. Auf den Katzenköpfen zog dafür der andere ein Höllentempo an. Ich biss mich fest, irgendwann musste ich doch reißen lassen.

Ich gondelte also alleine durch die Gegend. Durch die schlechte Beschilderung verfuhr ich mich mehrmals. Einmal fand ich mich in einer Trainingsgruppe eines örtlich Radsportvereins wieder, was ich erst nach zwei Kilometern bemerkte.

Wie durch ein Wunder traf ich irgendwann die 2 Belgier mit ihren Crossern wieder (da muss wohl einer eine Panne gehabt haben). Ich konnte mich da wieder dranhängen. Doch jetzt begann das Pflaster richtig wehzutun. Ich konnte nicht mehr richtig zupacken, weil mir die Handinnenflächen so sehr brannten. Nach jedem Pavé brauchte ich nun 200-300 Meter Asphalt, bis ich die Hände wieder öffnen konnte.

Irgendwann hat sich dann mein erster Flaschenhalter verabschiedet. Ich nahm die kleine Pulle ins Trikot, die Große steckte ich in den noch festen Halter. Jeder Sektor dauerte nun gefühlt eine Ewigkeit. Ich spürte jeden Stein einzeln. Endlich erreichte ich die letzte Kontrolle bei km 176.

Den Draht aus den Ohren gefahren

Ich hab dort nochmal gegessen, was ich konnte und die Flasche nochmals aufgefüllt. Auf ging’s in den Endspurt! Es folgten noch sechs Stücke, davon waren drei extrem hart. Irgendwo nach einer Kurve in einer Ortschaft fuhr ich durch einen kleinen Heuhaufen, sodass ich fortan trockenes Gras in der Schaltung hatte.

Aber egal. Auf den Pavés konnte ich mittlerweile nur noch Bremsgriffhaltung fahren, alles andere schmerzte zu sehr. Die Beine waren jedoch noch sehr gut und ich konnte durch den Rückenwind auf dem Asphalt richtig draufdrücken, sodass ich stets über 30 fuhr. Irgendwann erreichte ich das letzte Pflasterstück, es war furchtbar. Ich konnte mittlerweile kaum noch sitzen und meine Finger waren komplett steif. Allein die Aussicht aufs Ziel trieb mich vorwärts.
Nach dem letzten Sektor gab ich nochmal Vollgas, bis ich Roubaix erreichte.

In der Stadt selber habe ich mich dann noch x-mal verfahren, bis ich auf die lange Gerade einbog, die man auch aus den TV Übertragungen kennt. Ich wusste, dass es nur noch zwei bis drei Kilometer sind. Vorbei an einem Fußballplatz bogen wir rechts ins Velodrom ein. Ich habe selten ein so erlösendes Geräusche gehört, wie das Klingeln der Glocke für die letzte Runde im Velodrom zu Roubaix.

Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man dort einfährt. Im Ziel bin ich tot vom Rad gefallen. Mein Begleiter empfing mich schon. Mein ganzer Körper war von Schmerzen durchzogen. Doch diese waren übertroffen von dem überwältigenden Gefühl, etwas ganz, ganz Großes geschafft zu haben.

Anschließend habe ich mir dann noch mein Andenken abgeholt und ich bin in der legendären Halle duschen gegangen. Ich zog mich in der Kabine von Felice Gimondi um und genoss dann die altertümlichen Duschen.
Insgesamt waren es statt 208 218 Kilometer in 7 Stunden. und 58 Minuten, also irgendwas im 27er Schnitt.

Erschöpft aber glücklich im Ziel

Paris-Roubaix: Ein unvergleichliches Rennen

Paris-Roubaix werde ich immer mit großen Schmerzen verbinden. Mit dem Kampf gegen sich selbst und den inneren Schweinehund. Jeder, der sich einer körperlichen Herausforderung stellen möchte, hat sie hier gefunden. Ich kann mir nicht viele Eintageswettkämpfe vorstellen, die härter sind.

Wie ein Wunder kam ich ohne jeglichen Defekt durch, nicht einmal einen Platten habe ich gefahren. Die Contis haben das gehalten, was sie versprechen. Lediglich nach drei Vierteln des Rennens hatte mein Hinterrad eine leichte Unwucht, sodass ich die Bremse öffnen musste.
Jeder, der Roubaix fährt, sollte sich jedoch dieser Folgen bewusst sein.

  • Mindestens zwei Tage Muskelkater.
  • Hände, insbesondere die Hangelenke tun weh. Dazu hat man dort unzählige aufgeplatzte Blasen an den Fingern, die brennen.
  • Die Schultern und der Rücken. Die erste Nacht danach konnte ich nur auf dem Bauch schlafen.
  • Dazu bekommt man eine Staublunge. Der Husten danach ist nicht zu unterschätzen.

Ein besonderer Dank geht nochmals an Kevin, der die Reise mitgemacht hat und meinen Begleitwagen gefahren hat. Ist auch nicht selbstverständlich!

Trotz aller Widrigkeiten kann ich jedem, der erfahren will, was Sport ist, diese Veranstaltung nur ans Herz legen.

Der Preis für die Anstrengungen: ein Pflasterstein

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